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07.01.10 11:45 Alter: 244 Tage

2010 - Jahr der Entscheidungen

Kategorie: Agrarpolitik

Von: Walter Lederhilger

Betrachtet man das Schweinejahr 2009, so fällt die Bilanz differenziert aus, weil die Hoch – und Tiefpreisphasen in den einzelnen Produktionsstufen immer zeitversetzt wirken. Mit durchschnittlich € 71,- lag der Ferkelpreis über dem schlechteren Vorjahresniveau von knapp € 65,-. In der spezialisierten Schweinemast hat sich der Deckungsbeitrag im Vergleich zu 2008 fast halbiert – der Marktverlauf blieb deutlich unter den Erwartungen. Europaweit war die Produktion höher als die Prognosen und schleppende Drittlandexporte verschärften die Situation.

Neben diesen marktpolitischen Herausforderungen waren es vor allem standespolitische und Tierschutz-relevante Themen, die für eine intensive und teilweise kontroverse Diskussion gesorgt haben.

Kastration

Die Kastration ist in einer EU-Richtlinie klar geregelt und darf bis zum 7.Lebenstag ohne Schmerzausschaltung durchgeführt werden. Dennoch ist die Kastration ins Schussfeld von Tierschutzorganisationen geraten. Die EU- weite Zulassung des Impfstoffes „Improvac“ der Firma Pfizzer gegen Ebergeruch heizten dieses Thema zusätzlich an. Und mit der gemeinsamen Erklärung des Deutschen Bauernverbandes, des Dachverbandes der deutschen Fleischwirtschaft und des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels – baldmöglichst auf die Ferkelkastration verzichten zu wollen, ist die Diskussion endgültig auf Österreich übergeschwappt. Bis die erforderliche Entwicklungsarbeit und mögliche Alternativen in Deutschland umsetzbar sind, wird im Rahmen des QS- Systems seit April 2009 der verpflichtende Einsatz von Schmerzmittel vorgeschrieben.

Gemeinsam mit der LK Österreich wurden intensive Gespräche mit Vertretern der Fleischbranche, dem Lebensmitteleinzelhandel und der Arbeiterkammer geführt. Dabei konnte klargestellt werden, dass es derzeit keine brauchbare Alternative zur Ferkelkastration gibt. Weder die Ebermast, noch die immunologische Kastration sind geeignet, unser gutes Image und die hohen Qualitätsanforderungen auch weiterhin zu sichern. Der VÖS hat daher am 22. September 2009 eine klare Positionierung beschlossen. Alle im VÖS organisierten Erzeugerverbände lehnen die Ebermast und die Immuno-Kastration entschieden ab, und werden keine unkastrierten oder entsprechend behandelten Ferkel und Mastschweine vermarkten.

In absehbarer Zeit wird die Kastration allerdings nur in Verbindung mit einem schmerzstillenden Mittel möglich sein. Derzeit sind jedoch geeignete Medikamente nicht zugelassen. Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen, die eine Anwendung durch den Landwirt ermöglichen, müssen erst geschaffen werden. Um alle möglichen Varianten entsprechend zu prüfen und offene Fragen vernünftig zu lösen, nimmt sich der TGD dieser Problematik an und wird eine Arbeitsgruppe dazu einrichten. Somit wird dieses heikle Thema auf fachlicher Ebene weiter behandelt.

Hauptfeststellung Einheitswerte

Die Hauptfeststellung der Einheitswerte 2010 sorgt nun seit Monaten für eine sehr lebhafte Diskussion innerhalb der Landwirtschaft. Nach dem Motto „Der Standort bestimmt auch den Standpunkt“ ist jede Sparte für sich bemüht, Veränderungen zu ihren Gunsten zu erwirken. Wenn der Einheitswert auch künftig die Basis für alle Abgaben und Leistungen bleiben soll, muss eine möglichst wirtschaftsnahe Abbildung der land – und forstwirtschaftlichen Betriebe angestrebt werden. Dabei darf vom Ertragswertprinzip nicht abgerückt werden. Das Grundmodell des Einheitswertes NEU steht bereits und sieht eine Reduzierung in der Bemessung aus der Fläche vor. Im Gegenzug werden die Direktzahlungen (ohne ÖPUL und AZ ) angesetzt – und für Tierbestände, die über der Normalunterstellung liegen, sollen wie bisher Tierzuschläge verrechnet werden.

Die Anhebung der geltenden Pauschalierungsobergrenze von derzeit € 65.500,- in Richtung € 100.000,- ist eine wichtige Forderung. Zudem muss auch in absehbarer Zeit die in der Bundesabgabenordnung festgelegte Umsatzobergrenze nach oben geschoben werden. Als VÖS haben wir unsere Möglichkeiten genutzt, konsequent, aber immer konstruktiv auf die speziellen Anliegen der Schweinebauern hinzuweisen. Die erste Hürde ist geschafft, aus meiner Sicht liegt ein ausgewogener landwirtschaftsintern abgestimmter Vorschlag auf dem Tisch. Das Finanzministerium wird jetzt nach diesem Modell Berechnungen anstellen. Die wirklich entscheidende Frage wird jedoch sein, ob im Parlament dieser Vorschlag mehrheitsfähig ist und ohne gröbere Abstriche umgesetzt werden kann.

Lockerung Tiermehl – Verfütterungsverbot

Europa hat eine große Versorgungslücke bei Eiweißfuttermittel, die nur durch enorme Sojaimporte geschlossen werden kann. Der Bedarf alleine in Österreich liegt jährlich bei ca. 670.000 Tonnen Sojaschrot. Verschärft wurde die Situation, als 2001 nach den BSE-Skandalen ein totales Verfütterungsverbot über tierische Proteine verhängt wurde. Die Kommission plant, Mitte 2010 über eine Lockerung zu beraten, ob und unter welchen Voraussetzungen Fleisch- und Knochenmehl schrittweise wieder in den Futterkreislauf gelangen kann.

Unter anderem werden folgende Grundsätze diskutiert:

• Einführung einer genormten Qualitätssicherung (technische Schwellenwerte)

• Verarbeitung nur von schlachttauglichen, beschautem Tiermaterial

• Fleisch- u. Knochenmehl ist nach Tierkategorien sortenrein zu produzieren und muss artübergreifend verfüttert werden.

Fleisch- u. Knochenmehl ist ein hochwertiges Eiweißfutter und nachdem über 90% des anfallenden Materials lebensmitteltauglich ist, muss alles unternommen werden, dieses Verfütterungsverbot zu lockern. Viel versprechend verlaufen auch die Fütterungsversuche, in denen Nebenprodukte aus der Ethanolerzeugung eingesetzt und getestet werden. All diese Initiativen bringen ein kleines Stück Unabhängigkeit in der Eiweißversorgung zurück.

Lebensmittel – Qualität und Herkunft werden wichtiger!

Aus vielen Umfragen wissen wir, dass gesicherte Herkunftsangaben bei Lebensmitteln dem Konsumenten wichtig sind. In der EU wird an einer neuen Verbraucherinformationsverordnung gearbeitet. Einigkeit gibt es bereits im Bereich der Nährwertkennzeichnung – sie soll genormt sein und eine bessere Lesbarkeit der Inhaltstoffe sicherstellen. Gegensätzlicher wird jedoch eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung diskutiert. Hier ist noch offen, ob sie verbindlich, freiwillig oder in Teilbereichen kommen wird. Unabhängig davon steigt in Österreich die Nachfrage nach gesicherter Qualität und Herkunft. So wird REWE Anfang 2010 mit ihren Merkur Märkten die Frischfleischschiene auf AMA-Gütesiegel umstellen. Mit dem Qualitätsprogramm Gustino und der Marke Donauland – u. Tullnerfeldschwein konnten die Verbände neue Absatzmärkte erschließen. Der „sus“ Lieferschein wird zur Herkunftsabsicherung (Geburt, Mast und Schlachtung in Österreich) analog zu jener bei der Rindfleischetikettierung weiterentwickelt. Das intensive Weben der AMA, der Landwirtschaftskammer, der bäuerlichen Verbände und Organisationen lohnt sich und kommt letztlich auch unseren bäuerlichen Betrieben zugute.

Abschließend bedanke ich mich auch bei allen Kollegen in den Gremien des VÖS und der einzelnen Organisationen in den Bundesländern sowie bei den Entscheidungsträgern und Partnern der Bundesministerien, der Landwirtschaftskammer Österreich und der AMA für die gute Zusammenarbeit. Ohne diese breite Unterstützung wären so manche Erfolge für die Branche nicht erreichbar. Ich wünsche uns allen ein erfolgreiches Schweinejahr 2010. Auch wenn immer wieder neue Herausforderungen auf uns zukommen, bin ich zuversichtlich, dass wir sie gemeinsam meistern werden.