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16.09.09 11:06 Alter: 357 Tage

Turbulenzen am Schweinehimmel

Kategorie: Agrarpolitik

Von: Josef Hieger

Wetterkapriolen haben den heurigen Sommer geprägt. Unwetter mit Überschwemmungen und Hagelschäden haben der Landwirtschaft stark zugesetzt. Auch bei zahlreichen politischen Themen bzw. Diskussionen um Rahmenbedingungen in der Schweinebranche brauen sich Gewitterwolken zusammen. Alle beteiligten Entscheidungsträger sind dabei gefordert, den österreichischen Schweinebauern zumindest keine selbstverursachten Erschwernisse aufzuhalsen. Als VÖS werden wir zu den einzelnen Themen immer wieder klar Position beziehen.

Schummeln darf sich nicht lohnen

Die Diskussion um Analogkäse und Schummel( Wasser)schinken hat in den letzten Monaten die öffentliche Diskussion geprägt und die Konsumenten hinsichtlich der Qualität unserer Lebensmittel stark verunsichert. So hat auch der Verein für Konsumenteninformation (VKI) anhand von 60 Produkten aus vier Supermärkten die aktuellen Kennzeichnungspraktiken unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass bei der Kennzeichnung einiges im Argen liegt. So sind Lebensmittelimitate ohne klare Kennzeichnung genauso üblich, wie phantasievolle Gestaltungen der Etiketten, die deutlich mehr suggerieren als tatsächlich der Fall ist. Umso mehr hat sich bestätigt wie wichtig das AMA Gütesiegel als Flaggschiff der sicheren Kennzeichnung österreichischer Lebensmittelqualität für die heimische Landwirtschaft ist und weiter gestärkt und ausgebaut werden muss.

Klarere Kennzeichnung gefordert

Nach dem Skandal um dioxinverseuchtes Fleisch aus Irland zum Jahreswechsel haben wir klar gemacht, dass die Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln stark verbessert werden muss. „Wo Österreich draufsteht, oder Österreich suggeriert wird, muss auch österreichisches Fleisch drinnen sein.“ Diese Forderung muss nun klar erweitert werden. „Wo Schinken draufsteht muss auch Schweinefleisch drinnen sein.“ Der Österreichische Lebensmittelcodex bietet hier zwar eine gute Grundlage, die die Lebensmittelqualität absichern soll, dennoch scheint eine klarere Kennzeichnungsverpflichtung was Lebensmittelimitate betrifft unumgänglich. Die Industrie darf den guten Ruf nicht leichtfertig riskieren, denn den Schaden haben letztlich die Industrie und die Bauern.

GVO – Veredelung nicht in die Sackgasse führen!

Ein Thema das vom Verbraucher naturgemäß sehr kritisch gesehen wird, aber für die Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist der Einsatz von Gentechnik bei der Lebensmittelproduktion. Manche politischen Entscheidungsträger ver-suchen dem allgemeinen Mainstream hinterher zu laufen und liebäugeln damit, den Konsumenten quasi pauschal ein „Gentechnikfreies Österreich“ zu verkünden. Das kann ein sehr gefährlicher Weg für die Österreichische Landwirtschaft werden und würde das Aus für eine wettbewerbsfähige Veredelungsbranche in Österreich bedeuten.

Man kann zur Gentechnik stehen wie man will, aber man darf die Realität am internationalen Markt nicht verkennen und schon gar nicht den Bauern ein Scheinbild vormachen. Fest steht, dass die fleischproduzierenden Bauern Soja einsetzen müssen um am freien Markt wirtschaftlich arbeiten zu können. Leider hat man dazu noch keinen praxistauglichen Ersatz gefunden, um die Eiweißversorgung in Europa anderwärtig sicherstellen zu können. Dieser Soja stammt zu rund 90% aus Nord- und Südamerika und ist zu 90% GMO vermischt. In einer Studie von AGES, AMA und BMG aus dem Jahr 2005 kommt man zum Schluss, dass GVO freie Fütterung im Schweinebereich nicht umsetzbar ist. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen stellen klar, dass bei der Verfütterung von GMO Futtermittel keinerlei Rückstände in Milch oder Fleisch feststellbar sind. Das heißt, GVO im Futtermittel dürfte eigentlich für eine öffentliche/ mediale Diskussion kein Thema sein.

Ich bin kein Verfechter der Gentechnik und grundsätzlich auch kritisch eingestellt. Allerdings würde ich es für fahrlässig halten, wenn man sich hier frühzeitig Wege verbaut, ohne die man später nicht mehr weiter weiß. Eine objektive fachliche Beleuchtung ist hier sicher nachhaltiger als emotionelle Kampagnen.

Kastration – wohin führt der Weg

In ganz Europa sucht man nach Alternativen zur chirurgischen Kastration wie sie aktuell praktiziert wird. „Alles rennt – aber wohin?“ war der Titel eines Gastkommentars von Dr. Branscheid, der das aktuelle Chaos in Europa zu diesem Thema auf den Punkt bringt. Das aktuelle Durcheinander in der Diskussion macht umso mehr deutlich wie wichtig es ist, mögliche Alternativen in Ruhe abzuwägen, um nachhaltigen Schaden für die gesamte Branche zu verhindern.

Wir verschließen uns nicht vor neuen Entwicklungen, die praktikabel und wirtschaftlich umsetzbar sind. Schnellschüsse können aber negative Auswirkungen für alle Beteiligten, das heißt Schwein, Bauer, Schlachthof, Verarbeiter und Konsument haben, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Somit bleibt die derzeitig durchgeführte Praxis der chirurgischen Kastration vorerst die erste Wahl, damit die geforderte Fleisch- und Genussqualität auch weiter abgesichert werden kann.

Es ist aber unbedingt notwendig, die Entwicklungen auf gesamteuropäischer Ebene weiter intensiv zu verfolgen, um auf neue Entwicklungen und Erkenntnisse reagieren zu können.

TGD wird evaluiert

Seit 2008 wird die Arbeit des Tiergesundheitsdienstes von Seiten des Gesundheitsministeriums evaluiert. Bei der nun geplanten Änderung der TGD-Verordnung gibt es auch von Seiten der Schweinebranche so manche Verbesserungsvorschläge. Ziel sollte es sein, durch eine „Entbürokratisierung“ eine Steigerung der Akzeptanz bei Bauern und Tierärzte zu erreichen. Zwar bedarf es sicher auch weiterhin der Dokumentation wichtiger Fakten, jedoch ist die Entrümpelung von Überflüssigem ein Gebot der Stunde. Auch bei der Anzahl der Betriebserhebungen sollte die Sinnhaftigkeit der Häufigkeiten nochmals genau analysiert werden. Weniger kann da oft mehr sein. Mit weniger Betriebserhebungen, aber dafür mehr Zeit je Visite, könnten sich Bauer und Tierarzt intensiver und effektiver mit bestandsrelevanten Aufgaben beschäftigen und die reine Protokollbearbeitung würde stärker in den Hintergrund rücken. Neben der Dokumentationsarbeit rechtlicher und bürokratischer Fakten, sollten in Zukunft betriebsindividuelle Programme, regionale Gesundheitsprojekte und bundesweite Arbeitsschwerpunkte stärker in den Vordergrund rücken. Ziel der Arbeitsstrategie sollte es sein, sich Schritt für Schritt an definierte Ziele heranzutasten. Damit könnte der TGD zu einem Instrument zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit des Einzelbetriebes und zur Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Schweineproduktion werden.

Einheitswerte sichern

Nicht viel Neues gibt es in der Diskussion zu den Einheitswerten. Nach einer Sommerpause soll die Diskussion im Herbst wieder aufgenommen werden. Oberstes Ziel muss es dabei sein, das bestehende System der Einheitsbewertung weitgehend abzusichern. Dabei darf es aber zu keinen zusätzlichen Belastungen der Veredelungsbetriebe kommen. Hier ist die Wirtschaftlichkeitssituation ohnehin angespannt genug. Durch die allgemeine Wirtschaftlichkeitsentwicklung sind die Betriebe zu laufenden Wachstumsschritten gezwungen. Das bedeutet, dass die Pauschalierungsobergrenze angehoben werden muss und auch die Umsatzobergrenze ist entsprechend anzupassen.